- Eine von der EZB veröffentlichte Studie untersucht, wie Stablecoins den Bankensektor der Eurozone und dessen geldpolitische Steuerung beeinflussen.
- Die Autoren, die nicht den offziellen EZB-Standpunkt vertreten, kommen zu dem Schluss, dass Stablecoins in der Eurozone vor allem eine starke destruktive Kraft sind.
Die Studie „Stablecoins und geldpolitische Transmission“ beschreibt, wie Stablecoins zunehmend als Ersatz für klassische Bankeinlagen genutzt werden. Werden aber solche Mittel aus Sicht- und Termineinlagen in digitale Token umgetauscht, verlieren die Banken eine zentrale, kostengünstige Refinanzierungsquelle.
Stattdessen steigt die Abhängigkeit von kurzfristiger Marktfinanzierung, die teurer und volatiler ist. Das verändert die Bilanzstruktur der Banken und beeinträchtigt eine ihrer Hauptfunktionen: die Kreditvergabe.
Die Autoren betonen, dass dieser Effekt mit zunehmender Verbreitung von Stablecoins stärker wird. Während deren aktuelle Marktkapitalisierung noch vergleichsweise klein ist, könnte eine steigende Stablecoin-Präsenz im Euroraum die Stabilität des Bankensektors spürbar verschlechtern und die Bedeutung traditioneller Einlagen verringern.
Auswirkungen auf die geldpolitische Steuerung
Die Geldpolitik im Euroraum hängt wesentlich von der Reaktion der Banken auf Leitzinsänderungen ab. Wenn die Banken jedoch weniger Einlagen halten und ihre Refinanzierungskosten stärker von Marktbedingungen abhängen, wird die Wirkung geldpolitischer Impulse immer weniger vorhersehbar.
Banken können Einlagenzinsen nicht beliebig erhöhen, ohne weitere Abflüsse in Stablecoins zu riskieren. Gleichzeitig reagieren ihre Refinanzierungskosten schneller auf Zinsänderungen, was die Wirkung geldpolitischer Maßnahmen schwächt.
Die EZB sieht darin ein Risiko für die Effektivität ihrer Steuerungsinstrumente, insbesondere in Phasen erhöhter Unsicherheit. Die Autoren argumentieren, dass eine wachsende Stablecoin‑Nutzung die geldpolitische Steuerung nicht nur schwächt, sondern auch komplexer macht.
Einfluss der US-Geldpolitik durch Dollar‑Stablecoins
Ein weiterer zentraler Befund betrifft die Dominanz der Dollar‑Stablecoins, die 99% der globalen Marktkapitalisierung der Stablecoins ausmachen. Wenn diese Token im Euroraum breit genutzt werden, können Zinsänderungen der US‑Notenbank indirekt auf europäische Liquiditätsbedingungen wirken.
Die Studie warnt davor, dass dadurch geldpolitische Souveränität verloren gehen würde. In extremen Szenarien könnten Kapitalströme in Dollar‑Stablecoins die Wirkung europäischer Zinsschritte zunichte machen oder verstärken, abhängig von globalen Marktbewegungen und dem Verhalten der Emittenten.
Die Autoren sehen darin ein strukturelles Risiko, das mit zunehmender Stablecoin-Nutzung an Bedeutung gewinnt.
Mögliche und unmögliche Gegenmaßnahmen
Die Autoren leiten aus ihren Ergebnissen mehrere Prioritäten ab. Dazu gehören strengere Anforderungen an die Qualität und Transparenz der Stablecoin‑Reserven, robuste Einlösemechanismen und eine engmaschige Aufsicht über die Emittenten.
Zudem wird der digitale Euro als Gegenangebot propagiert. Er soll die Risiken der Stablecoins vermeiden, indem er eine sichere, digitale Form von Zentralbankgeld bereitstellt.

Entscheidend ist jedoch, dass regulatorische Gegenmaßnahmen frühzeitig greifen, bevor die Wirkung der Stablecoins eine Größenordnung erreicht, die die geldpolitische Steuerung strukturell beeinträchtigt.
Auf den Digitalen Euro kann man dabei aktuell jedenfalls nicht zählen, denn er hat noch mindestens einige Monate lang einen existenziellen Nachteil:
Es gibt ihn nicht.

